Schlägereien an der Ostsee
Tonnenabschlagen mit Tradition
Der Reiter prescht über den Sandboden. Adrett sieht er aus, in seinem weißen Hemd, dem Schlips und der dunklen Hose. Der Schlips wird Opfer der Geschwindigkeit. R hängt über die Schulter, als der Reiter mit dem schweren Holzknüppel zum Schlag ausholt. Der Knüppel saust durch die Luft und trifft mit einem Krachen das Ziel.
Die umstehenden johlen und auch der Reiter ist erleichtert. Zwar hat sein Schlag keinen entscheidenden Schaden angerichtet, aber er hat das an dem Gerüst hängende, geschmückte Heringsfass getroffen und sich dabei im Sattel halten können. Nur nicht „Sandkönig“ werden, lautet die Devise beim Tonnenabschlagen. Noch sind alle Chancen vorhanden, „Tonnenkönig“ zu werden.
Tonnenfeste haben im Fischland Darß eine lange Tradition. Wie lang genau, weis niemand so richtig. Eine These lautet, dass sich die Bauern bei den ritterlichen Wettkämpfen ausgeschlossen fühlten. Schließlich war es nur Adligen erlaubt, daran teil zu nehmen. So ersannen sie ihre eigenen Spiele.
Gesichert ist, dass das Tonnenabschlagen 1774 protokollarisch erwähnt wurde. Seitdem hat sich die Tradition gehalten und viele Jahre überdauert. So werden an vielen Orten im Fischland auch heute noch Tonnenfeste gefeiert.
Traditionell wird ein Fass, welches die Fischer früher nutzten, um Heringe in Salz einzulegen, für das Tonnenfest geschmückt. Anschließend wird es so an einem Holzgerüst aufgehängt, dass ein Reiter es mit einem Holzknüppel vom Rücken eines Pferdes aus treffen kann.
Die Reiter finden sich in einer Gruppe am ende der Bahn ein. Nacheinander und im sicheren Abstand reiten sie im Galopp auf die aufgehängte Heringstonne zu. Mit einem schweren Holzknüppel schlägt der Reiter zur Freude der Zuschauer auf das Fass ein. Mittlerweile finden sich auch immer mehr Frauen unter den Reitern, während es sich früher umeinen reinen Männersport handelte.
Wem es gelingt, den Boden vom Fass abzuschlagen, der wird Bodenkönig. Stäbenkönig wird, wer das letzte Seitenbrett vom Heringsfass abschlägt. Den Titel des Tonnenkönigs sichert sich, wer das letzte verbliebene Stückchen holz vom Haken abschlägt. Der einzig unrühmliche Titel ist der des Sandkönigs. So nennt man den Reiter, welcher zuerst auf den Boden stürzt.
Das Tonnenabschlagen hat in allen Orten Volksfestcharakter. Den Zuschauern wird neben der Jagd auf das Heringsfass Kulinarisches und Musik geboten.
Tradition ist es auch, dass am Abend getanzt wird, beim sogenannten Tonnenball. Dort werden in vielen Städten auch die Könige des Reiterspektakels offiziell gewürdigt. Im nächsten Jahr kann man sie an einer Schärpe beim Ritt auf die Tonne erkennen. Dabei geht es beim Tonnenabschlagen trotz der Tradition nicht bierernst zu. Es geht darum, dass Alle ihren Spaß haben. Es gibt bei der ganzen Geschichte eigentlich nur einen Verlierer: Die Heringstonne.

